Die Fragen lieb haben

… und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr,

Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen

und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben

wie verschlossene Stuben und wie Bücher,

die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten,

die Ihnen nicht gegeben werden können,

weil Sie sie nicht leben könnten.

Und es handelt sich darum, alles zu leben.

Leben Sie jetzt die Fragen.

Vielleicht leben Sie dann allmählich,

ohne es zu merken,

eines fernen Tages in die Antwort hinein.       (Rainer Maria Rilke)

 

Liebe Gemeinde,

die Zeilen von R. M. Rilke sind mir eingefallen als ich gefragt wurde, ob ich etwas für unseren Gemeindebrief schreiben möchte. Ich finde, sie passen gut in unsere jetzige Zeit. In die Zeit der Corona-Pandemie und die dadurch bedingten Einschränkungen. Geduld aufzubringen ist für viele so eine Sache und dann auch noch Geduld zu haben für alles, was uns tief im Herzen bewegt und was wir nicht gelöst bekommen, macht es nicht einfacher. Um an Fragen, die sich jedem von uns auf eine sehr persönliche Art stellen, nicht zu ermüden, kann es vielleicht helfen, wenn wir ihnen eine andere „Sichtweise“ geben. Fragen liebevoll zuzulassen ist eventuell so ein Weg. Die Gelassenheit die wir dabei bekommen, wird uns helfen, die Fragen zunächst unbeantwortet zu lassen und sie trotzdem nicht als Ballast zu empfinden, sondern liebevoll mit ihnen zu leben.

Vielleicht lesen Sie jetzt noch einmal die Zeilen von Rilke, die er im Jahre 1903 in einem Brief an einen jungen Dichter schrieb. Ich finde, sie sind heute aktueller denn je.

Herzliche Grüße                                 

Anneliese Knappe

(Anneliese Knappe ist als Lektorin tätig und singt in der Chorgemeinschaft)